Zwischen Platzpflege und Prosecco, zwischen Doppelpartnern und Doppelmoral lauert das Unvorhergesehene.
Was wie ein sportlicher Nachmittag beginnt, endet nicht selten mit offenen Fragen – oder einem verschlossenen Spind.
In diesen Fallakten sind sie alle gesammelt:
Die Bratenmorde, die verschwundenen Trophäen, die zu laut ausgesprochenen Wahrheiten am Buffet.
Kommissar Erdmann a.D., einst die Nase der Berliner Kripo, jetzt thermosbewehrt im Tennisverein, nimmt sich jeden Fall zur Brust – mit mehr Auge als Knie, aber mit einem untrüglichen Gespür für das Menschliche zwischen Linien und Lügen.
Blättern Sie durch.
Aber seien Sie gewarnt:
Nicht jeder, der in Weiß erscheint, spielt mit offenen Karten.

Ein Spieler bricht mitten im Spiel zusammen und stirbt. Vergiftung, sagt die Rechtsmedizin, und eigentlich hätte das niemanden umbringen dürfen. Erdmann sitzt andiesem Nachmittag zufällig am Rand des Platzes und bemerkt etwas, das sonst keinen stört: Im Spielplan steht ein Name, zu dem es kein Mitglied gibt. Jemand hat ihn dorthingeschrieben. Von diesem Eintrag aus führt der Weg in einen Vereinsstreit von 1998, den alle für erledigt hielten, und zu einem Mann, der seit Jahren eine Schuld abträgt, von der niemand weiß.

Nach über vierzig Jahren Mitgliedschaft ist eine Zweiundsiebzigjährige nicht mehr da. Kein Streit, kein Abschied, kein Brief, nur ein leerer Spind und ein Verein, in dem niemand genau sagen kann, wann er sie zuletzt gegrüßt hat. Die Polizei führt eine Vermisstensache, Erdmann führt Gespräche. Je länger er zuhört, desto deutlicher wird, dass die eigentliche Frage nicht lautet, wohin sie gegangen ist, sondern warum es so lange gedauert hat, bis es überhaupt jemandem aufgefallen ist. Ein Fall ohne Täter, der trotzdem wehtut.

Ein Mann verschwindet vom Vereinsgelände, und alles passt: der aufgeschlitzte Trainingsbeutel, die Uhrzeit, sogar der Hilferuf, den zwei Zeugen gehört haben. Genau das ist Erdmanns Problem. Wenn jede Spur in dieselbe Richtung zeigt, hat sie meistens jemand gelegt. Er beginnt deshalb nicht bei dem Verschwundenen, sondern bei denen, die nichts gesagt haben, und stößt auf eine Vereinsaffäre, die man vor Jahren beigelegt hat, indem man einen Einzelnen damit allein ließ. Wer hier gesucht wird, will gefunden werden. Nur nicht von der Polizei.

Ein Toter ohne Täter. Ein Mann liegt in seiner Wohnung, daneben eine längst abgelaufene Sauerstoffflasche, und vier Menschen aus dem Verein verhalten sich so auffällig, dass jeder von ihnen der Richtige sein könnte. Erdmann arbeitet sich durch vier falsche Fährten, und das Bittere daran ist: Gelegt hat sie keiner aus Berechnung. Alle vier haben es gut gemeint. Am Ende steht kein Mord, sondern etwas, das schwerer zu ertragen ist. Ein Mensch,der aufgehört hat, und niemand, dem es rechtzeitig aufgefallen wäre.

Zum Jubiläum soll die alte Vereinsmedaille gezeigt werden, und sie wird gezeigt. Nur gibt es sie plötzlich zweimal. Zwischen Empfang und Galaabend liegen ein heimlich gefertigtes Duplikat, eine Zustimmungsliste mit Unterschriften, die niemand geleistet hat, und eine Präsidentin, die dafür bezahlt, dass keiner nachzählt. Erdmann interessiert sich weniger für das Metall als für die Frage, wer wann zum ersten Mal gelogen hat. Die Antwort kommt am Galaabend, vor versammelter Mitgliedschaft, und sie trifft zwei Personen statt einer.

Manche Aufnahmeanträge werden abgelehnt, und niemand kann sagen, warum. Es gibt keinGremium, keinen Beschluss, keine Akte. Es gibt eine Liste, die niemand geschrieben haben will, die seit Jahren niemand besitzt und die trotzdem jedes Mal funktioniert. Erdmann sucht zuerst nach dem, der sie führt, und begreift langsam, dass das die falsche Frage ist. Am Ende wird kein Täter überführt, sondern eine Praxis sichtbar gemacht, an der ein ganzer Verein mitgewirkt hat, ohne je darüber zu sprechen.

Ein Sponsor mit makellosem Lebenslauf, ein Verein voller dankbarer Gesichter und Vereinsfeste, die großartig abgerechnet worden sind. Das Problem: Ein Teil dieser Feste hatnie stattgefunden. Erdmann kann rechnen, aber er hat keine Befugnis. Lina kann veröffentlichen, aber sie braucht Belege. Und Schröder kann erst tätig werden, wenn ein Vorgang angelegt ist. Wie diese drei Bedingungen zusammenfinden, ist die eigentliche Spannung dieses Falls, und was dabei über die Identität des freundlichen Herrn herauskommt, steht in keinem Prospekt.

Ein festliches Menü, zwei Manipulationen und zwei Männer, die nichts voneinander wissen. Der eine handelt aus Eitelkeit, der andere aus Kalkül, und beide greifen am selben Abend in dieselbe Küche ein. Gestorben ist ein Achtundsiebzigjähriger, der auf keiner der beiden Rechnungen stand. Erdmann muss hier nicht einen Täter finden, sondern zwei Taten auseinandersortieren, die sich gegenseitig verdecken, und dabei die Frage beantworten, an der alles hängt: Wollte überhaupt einer von beiden einen Toten?

Eine Agentur mit tadelloser Website, ein Förderverein mit klingenden Namen, Zitate von Sponsoren, die niemand je getroffen hat. Gestohlen wird in diesem Fall kein Geld. Gestohlen wird Zustimmung: Häkchen, die nachträglich in alte Sitzungsprotokolle gewandert sind, Beschlüsse, die nie gefasst wurden, Mitwisser, die mitmachen, weil man ihnen einmal einen Gefallen getan hat. Erdmann sucht deshalb nicht nach einer Kontobewegung, sondern nach der Stelle, an der eine Unterschrift zum ersten Mal ungedeckt war.

Ein aufgebrochener Spind, eine saubere Einbruchspur und eine Zutrittskarte, die es nur eine einzige Nacht lang gegeben hat. Alles deutet auf einen Mann, der wie der Architekt der ganzen Inszenierung wirkt, bis Erdmann bemerkt, dass dieser Mann ihr erstes Opfer ist. Dahinter liegt ein vergessener Restzugang im System des Vereins, den seit Jahren niemand gelöscht hat, und jemand, der genau weiß, wie man ihn benutzt. Nicht jeder in diesem Fallwird gefasst. Und nicht jeder zu Unrecht Verdächtigte bleibt beschädigt.

Zwei Männer, zwei Entscheidungen, kein gemeinsamer Plan. Der eine besorgt etwas aus Kränkung, der andere verwendet es aus Geldnot, und keiner von beiden wollte einen Toten. Am Ende liegt trotzdem einer da, weil ein Herzleiden im Spiel war, von dem nicht einmal der Betroffene wusste. Erdmann muss in diesem Fall nicht die Schuld finden, sondern sie aufteilen, und das ist erheblich schwerer, wenn Anstifter und Ausführender nie miteinander gesprochen haben.

Im Verein wird Geld umverteilt, das dem Verteiler nicht gehört, und er tut es aus einem anständigen Grund. Er gesteht sogar, öffentlich, und nimmt alles auf sich. Damit wäre der Fall erledigt, wenn Erdmann nicht eine Zahl im Kopf behalten hätte, die zu diesem Geständnis nicht passt. Jemand anderes benutzt denselben Weg schon eine ganze Weile, still und für sich, und dieser zweite Mann wird im Verein nie entdeckt. Der Leser weiß am Ende mehr als der Vorstand.

Eine Buchhalterin will Missstände bei den Fördergeldern offenlegen und verschwindet nachdem Vereinsabend. Sie kommt zurück, lebend, aber nicht mehr dieselbe. Einen Täter gibt es nicht. Es gibt ein Verfahren in drei Stufen, das nie jemand beschlossen hat: beruhigen, begleiten, vergessen. Erdmann findet einen zweiten Fall aus früheren Jahren, der genauso verlief, und damit die unangenehmste Erkenntnis dieser Reihe. Ein Verein muss nichts Böses tun, um jemanden zum Schweigen zu bringen. Er muss nur seine Gewohnheiten haben.

Ein Neunzehnjähriger zerstört im Training seine eigenen Schläger, und sein Vater, der einmal Schatzmeister war, schweigt dazu. Auf einem Griffband steht eine Zahl, grob geschrieben, von einer Hand, die zittert. Was aussieht wie Jugendärger, ist eine Erpressung mit vier Jahren Anlauf: Eine vertuschte Wirtschaftssache soll Druck auf einen Mann erzeugen, der längst nichts mehr zu entscheiden hat. Erdmanns Weg führt zum ersten Mal aus dem Verein hinaus, bis in die Geschäftsstelle des Verbands, und die Person, die alles steuert, saß an keinem Tisch, an dem er bisher gesessen hat.

Bei fünf zu vier verschwindet ein Spieler vom Platz. Vor zweihundert Zuschauern, zwischenzwei Aufschlägen. Sein Schläger liegt im Sand, seine Tasche steht ordentlich wie ein Vorwurf, und hinter dem Sichtschutz sind zwei Halteklammern sauber durchgekniffen. Er ist nicht geholt worden, er ist gelaufen, und die Frage ist nicht, wohin, sondern wovor. Dahinter arbeitet ein System, das Nachwuchsspieler als Kuriere benutzt und seinen Takt von etwas bezieht, das jeder auf der Anlage hört und keiner bemerkt. Die wichtigste Zeugin ist die Person, die dort niemand sieht.

Eine Böenfront zieht über die Anlage, eine Kiefer fällt, der Jugendwart ist tot. Höhere Gewalt, sagen alle, und niemand kann etwas dafür. Zwei Jahre vorher hat ein Gutachten genau diesen Baum zur Fällung empfohlen. Die Angebote wurden eingeholt und nie beauftragt, das Geld ging woandershin. Vierundzwanzig Minuten lang war das Clubhaus an diesem Nachmittag leer. Erdmann braucht drei Tage, um zu begreifen, dass es vier waren, und einen Fünfzehnjährigen, der den Toten gefunden hat und seitdem nicht mehr auftaucht.

In der Traglufthalle knallt es. Sechzehnmal in vierzehn Monaten, immer abends, immer beim Umschalten der Gebläse. Zwei Spieler stürzen, ein Vierundsiebzigjähriger steht nicht mehr richtig auf und stirbt sieben Wochen später in der Reha, und niemand hat die beiden Daten je nebeneinandergelegt. Der Verein hält es für Pfusch, die Versicherung für Verschleiß, und Erdmann fällt auf, dass Pfusch keinen Takt hat. Für den einen Abend, an dem ein Sechzehnjähriger stürzt, verzeichnet die Hallenautomatik nichts. Genau diese Lücke ist die Lösung.

Ein Streifen unter den drei Rasenplätzen gehört seit 1974 jemand anderem. Der Mann, dem ergehört, weiß es seit dreißig Jahren und hat dreißig Jahre geschwiegen. In der Nacht vor der Mitgliederversammlung liegt der alte Grenzstein frei. Am Morgen geht die Frau, die seit zwanzig Jahren alles macht, was sonst keiner macht, wie immer den kurzen Weg über Platz eins. Dreißig Meter entfernt steht jemand in der Hecke und sieht zu. Die Tat ist nicht die Grube. Die Tat ist das Stehenbleiben, und dafür gibt es einen Paragrafen.

Von der Tribüne kommt ein „Aus!“, jedes Mal, nachdem zwei Finger auf das Geländer geklopft haben, und ein fünfzehnjähriges Mädchen muss in einer halben Sekunde entscheiden, ob eseinem Erwachsenen widerspricht. Die Jugendtrainerin nimmt die Rufe auf. Zwei Tage später liegt bei der Polizei eine anonyme Anzeige gegen sie selbst, mit einer Tondatei, auf der sie sich mit ihrer eigenen Stimme belastet. Jedes Wort darin ist ihres. Der Satz ist es nicht. Sie könnte sich entlasten und schweigt, weil ihre Verteidigung ein Kind kosten würde.

Der Verein feiert sein hundertfünfzehnjähriges Bestehen mit einem Hochglanzband, und in der Nacht nach dem Festakt fehlt die alte Chronik im Archiv. Ein Buch, das seit einem halben Jahrhundert niemand aufgeschlagen hat. Alle suchen nach dem Kapitel, das darin gestanden haben könnte: ein Kassenloch, ein Ausschluss, ein Name, den jemand loswerden will. Dabei steht in diesem Buch gar keine Geschichte. Es steht eine Liste darin, einundvierzig Positionen lang, mit Fotos. Neun davon sind längst nicht mehr da.

Weitere Fallakten sind bereits in Arbeit. Noch werden Spuren gesichtet, Aussagen geprüft und Zusammenhänge protokolliert. Allein macht das keiner: Lina Berg bringt mit, was in keiner Zeitung stand, Schröder hält im Notizbuch fest, was später amtlich werden muss, und Erdmann hört zu und sagt lange nichts. Claudio Gärtner sitzt am selben Tisch und schreibt auf, was daraus wird. Sobald Erdmann seine Schlüsse gezogen hat, werden die neuen Akten an dieser Stelle geöffnet.

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